~ Spielgelscherben ~

Das Geheimnis einer Baronesse

Es geschah nicht oft, daß Baronesse Melisande d'Orlene die Nächte zuhause verbrachte und sicherlich war dies etwas, das man von einer solchen Frau auch nicht erwartete. Sagte man Nymphen schließlich nicht nach, daß sie vergnügungssüchtig seien? Immer auf der Ausschau nach dem nächsten amourösen Abenteuer? Doch die Baronesse war weit davon entfernt, eine dieser Nymphen zu sein, die nichts als ihr persönliches Vergnügen im Kopf hatten, wobei sie rein gar keine Einwände hatte, wenn man sie mit ihren Schwestern auf eine Stufe stellte. Bei ihrer Tätigkeit konnte es schließlich nicht schaden, wenn man als relativ harmlos betrachtet wurde - nun, zumindest harmlos wenn es über die Bettkante hinaus ging. Und was würde man wohl glauben, wenn man Melisande an diesem Abend an einem der Balkonfenster ihrer Villa erblickte? Sehnsüchtig über die Rosen ihres Gartens hinweg hinaus blickend und mit den gelösten, schwarzen Locken, die ihre nackten Schultern hinab flossen? Nun, zumindest nicht das, was sich hinter den Mauern des Anwesens abspielen würde, wenn ihr Gast schließlich in der Villa d'Orlene eintraf.
Und so blickte die Baronesse in diesen Augenblicken keineswegs auf die Schönheit des von tausend Lichtern erleuchteten nächtlichen Chomoire, das sich vor ihr in die Dunkelheit erstreckte - nein, ihre Gedanken beschäftigten sich mit jener Person, die diese Stadt nur zu gerne in die Hände bekommen würde und die schon in Kürze eintreffen sollte. Ja, Makarah, seines Zeichens der Gott des Chaos und erklärter Lieblingsfeind der drei Göttinnen Phantásias, hatte seinen hohen Besuch bei seiner liebsten Spionin angemeldet und würde ohne jeden Zweifel eine Menge neuer Probleme für die Baronesse mit sich bringen. Melisande erschauerte bei dem Gedanken daran, was geschehen würde, wenn Makarahs Vision eines chaotischen Chomoire unter seiner Herrschaft eines Tages Wirklichkeit würde und ihr Blick schweifte hinaus über die Häuser ihrer Heimatstadt, die zu jeder Tageszeit von Leben erfüllt waren.
Eine helle Explosion aus der Richtung der Kasernen der Drachenreiter erschütterte für einen Augenblick den Boden des Palastviertels und Melisandes zarte Hand griff mechanisch nach dem purpurnen Samtstoff ihres Vorhanges, um Halt zu finden, bis die Erschütterung nachließ. Schließlich war dies kein seltenes Vorkommnis und sie hatte sich schon vor vielen Jahren daran gewöhnt, daß es in den Kasernen zuweilen feurig zuging. So war sie also weit davon entfernt, den Vorfall mit einem Schrecken oder einer standesgemäßen Ohnmacht zu quittieren, als ein kleiner, roter Drache in die Lüfte hinauf stieg und sich in seinem raschen Flug mit seinem Reiter auf dem Rücken in Richtung des Hafenviertels aufmachte.
Doch Melisandes tastende Hand bekam den Vorhang niemals zu fassen, denn der weiche Stoff rann durch ihre Finger als bestünde er aus reinem Wasser, während die Vorhänge sich langsam, wie von Zauberhand dirigiert schlossen und ihr die Sicht auf die Stadt nahmen. Eine amüsierte Stimme erklang unweit ihres Rückens, doch der darin enthaltene Charme konnte das knirschende Eis darin nicht verbergen, das mit ziemlicher Sicherheit auf das Lesen der Gedanken Melisandes zurückzuführen war.
"Aber, aber, meine liebste Baronesse - ihr werdet doch nicht sentimental werden wollen? Gefühle dieser Art stehen einer solch zauberhaft skrupellosen Dame wie euch nur schlecht zu Gesicht."
Melisande verharrte für einen Augenblick um sich zu fassen, dann wandte sich die Baronesse mit einem bezaubernden Lächeln auf den vollen Lippen zu ihrem Besucher um und verschloss sorgfältig ihre Gedanken vor ihm, während sie sich still für ihre Torheit verfluchte.
Makarah war ohne jeden Zweifel ausgesprochen attraktiv und er hatte sich dazu entschlossen, in seiner wahren Gestalt bei der Baronesse zu erscheinen, obgleich er normalerweise die Verkleidung über alles liebte. Das schwarze Haar fiel weich wie Rabengefieder auf seine Schultern hinab und rahmte ein markantes Gesicht, auf dem das spöttische Lächeln von einem kleinen Bart umgeben wurde. Die langen Beine in den schwarzen Stiefeln waren in Melisandes bestem Sessel bequem übereinander geschlagen und jeder Milimeter der männlichen Gestalt strahlte vollkommene Selbstsicherheit aus.
"Ich kann euch versichern, daß ich frei von jeglicher Sentimentalität bin, mein Gebieter. Es erstaunt mich, daß ihr mir ein solches Gefühl zutraut. "
Melisandes Stimme besaß jenen gewohnten, rauchig - melodiösen Klang und ihre Haltung war die einer vollkommenen Dame, die es kaum glauben konnte, daß man an ihr zweifelte. Langsam ließ das Beben des Bodens wieder nach und Melisande zog mit einem leichten Frösteln den Mantel ein wenig enger um ihre Gestalt und bedeckte damit das skandalös tiefe Dekolleté ihres Kleides. Schließlich musste eine Nymphe stets dem Anlass gekleidet sein und einem bestimmten Klischee entsprechen, was Melisande jedoch nicht selten einen schmerzenden Hals einbrachte. Nun, zumindest teilte sie dieses Schicksal mit allen anderen Nymphen dieser Welt und so brauchte sie sich damit nicht allein zu fühlen.
Die smaragdgrünen Augen der Baronesse musterten eingehend die Gestalt in dem Sessel, die nun mit einer aufreizenden Lässigkeit den Blick über ihren Körper gleiten ließ, als ob ihr Kleid nicht existierte. Mit größter Wahrscheinlichkeit tat es dies für ihn tatsächlich nicht und so gab Melisande den hoffnungslosen Versuch auf, ihren Körper zu bedecken und bewegte sich stattdessen zu einer Kristallkaraffe, die mit einer glitzernden, dunkelroten Flüssigkeit gefüllt war und die ein Diener zuvor schon bereit gestellt hatte. Melisande hatte die Angewohnheit, ihre Dienstboten öfter in eine bekannte Lokalität zu entlassen, wenn sie Besuch erwartete. Dies war zwar oftmals nur ein Ablenkungsmanöver, konnte aber durchaus sehr dienlich sein, wenn in der Folge das Gerücht gestreut wurde, daß sie einen unbekannten Liebhaber aus fernen Landen erwartete und ungestört die Nacht mit ihm verbringen wollte. Besagte das neuste Gerücht denn nicht, daß Anatóle DuBois, der Baron von Nushimá seit Kurzem ihr Liebhaber war und sie des Nachts vermummt in ihrer Villa aufsuchte? Ja, Melisande war schon immer der Meinung gewesen, daß ein gutes Gerücht durchaus die beste Tarnung war, wenn man von der Wahrheit ablenken wollte.
Langsam quoll die blutrote Flüssigkeit aus der Karaffe in zwei passende Kelche, von denen sie einen dem dunkel gekleideten Mann reichte, der noch immer die Augen auf sie gerichtet hatte und sich dabei sinnierend über das Kinn strich.
"Wenn ihr eure Betrachtung abgeschlossen habt, könnten wir womöglich über den Grund eures Besuches reden? Sicherlich wart ihr nicht auf der Suche nach Gesellschaft, oder habt ihr eure drei reizenden Gespielinnen entlassen?"
Ärger zeichnete sich für einen kurzen Moment auf den gut aussehenden Zügen von Melisandes Gast ab und ein grünes und ein blaues Auge blitzten gefährlich auf, bevor er wieder sein gleichmütiges Lächeln unter dem perfekt gestutzten Bart zur Schau trug. Betont gelassen erhob er sich, um den Kelch entgegen zu nehmen und ihn dann in Richtung der Baronesse zu heben, wobei der Degen an seiner Seite bei jedem Schritt über den dicken Teppich leise gegen seine Stiefel klackte.
"Auf euer Wohl, meine liebste Melisande. Zu schade, daß ihr heute so ungeduldig zu sein scheint. Ich störe euch doch wohl nicht oder halte euch von etwas ab?"
Nicht weniger gelassen lehnte sich die Nymphe an den Kaminsims ihres Salons und nippte an ihrem Kelch, ohne Anstalten zu machen, ihn auch nur im geringsten in seine Richtung zu heben.
"Hat euch das schon jemals davon abgehalten, mir einen Besuch abzustatten? Ich bin euch allerdings zu Dank verpflichtet - zumindest habt ihr euch dieses eine Mal zuvor angekündigt."

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