~ Spielgelscherben ~

Das Geheimnis einer Baronesse

In der Tat hatte Makarah normalerweise die unangenehme Angewohntheit, in der Nähe der Baronesse zu erscheinen, wenn sie ihn rein gar nicht gebrauchen konnte und lieber auf seine Gesellschaft verzichtet hätte. Melisande lächelte ebenso falsch wie süßlich und stellte ihren Kelch schließlich auf dem Kaminsims ab. Es war immer eine gute Idee, einen klaren Kopf zu behalten, wenn man mit einem Gott zu tun hatte und Alkohol war diesem Zustand bekanntlich herzlich wenig zuträglich. Makarah allerdings, hatte dazu eine vollkommen andere Einstellung, denn er leerte sein Glas in einem Zug und stellte es dann mit einer schwungvollen Bewegung auf einem kleinen Tisch aus edlen Hölzern ab.
Ein gewöhnlicher Mann hätte in diesem Moment sicherlich die ein oder andere Reaktion auf den hohen Alkoholgehalt dieser elfischen Spezialität gezeigt, doch Makarah war kein gewöhnlicher Mann und so zeigte das Getränk keinerlei Wirkung, außer jener, die Baronesse und ihre Sterblichkeit zu verspotten. Diese zog jedoch nur eine Augenbraue in die Höhe und war eindeutig nicht gewillt, darüber hinaus eine sonderlich beeindruckte Reaktion zu zeigen. "Elfenblut aus Nushimá - eine ausgezeichnete Wahl und nur sehr schwer zu bekommen. Sollten die Gerüchte über euch und den Baron denn tatsächlich der Wahrheit entsprechen?"
Der Gedanke schien Makarah aus einem unbestimmten Grund zu amüsieren und Melisandes feine Gesichtszüge verzogen sich für einen Moment nachdenklich, als sie versuchte, einen Sinn dahinter zu entdecken. Aber was machte bei Makarah schon Sinn? Wahrscheinlich wollte er sie lediglich verunsichern und Melisande verspürte keineswegs den Drang, sich verunsichern zu lassen.
"Wenn es so wäre, solltet ihr dann nicht der Erste sein, der darüber informiert wäre? Oder sind eure Informanten mittlerweile derart unzuverlässig geworden, daß sie euch im Dunklen tappen lassen? Es ist zu schade, daß ihr selbst nicht dazu in der Lage seid, stets an jedem Ort eure Nase zu haben, nicht wahr?"
Melisande wusste noch im gleichen Moment, in dem ihre Worte ihre Lippen verließen, daß sie zu weit gegangen war, als sie die offensichtliche Schwäche des Gottes zur Sprache brachte. Makarahs Augen verengten sich gefährlich und mit einer Geschwindigkeit, die kein sterbliches Wesen jemals zu imitieren vermocht hätte, stand er direkt vor der Baronesse und hielt ihr Kinn in einer stillen Drohung in seiner kräftigen Hand.
"Ihr solltet vorsichtig sein, Melisande - der Grat zwischen meiner Belustigung und einem echten Ärgernis ist sehr schmal und ihr solltet darauf achten, daß ihr nicht den Halt verliert. Denn dann wird auch euer unbestrittener Wert für mich nicht mehr genug sein, euren hübschen Hals zu retten."
Sicherlich wäre es nun an der Zeit gewesen, etwas Zurückhaltung an den Tag zu legen und sich von Makarah beeindruckt zu zeigen, doch die Gesundheit einer Nymphe war nicht als robust zu bezeichnen und die Erkältung, die Melisande sich vor einigen Tagen bei einem Spaziergang an der kühlen Frühlingsluft im Park des Palastes zugezogen hatte, brach mit einer deftigen Niesattacke aus der Baronesse hervor und sorgte dafür, daß Makarah mit einem indignierten Gesichtsausdruck von ihr zurücktrat.
"Oh, verzeiht. Ich wollte euch nicht unterbrechen, mein Gebieter. Aber ihr werdet sicherlich Verständnis dafür haben, daß die Ausführung eurer Aufträge mich in Situationen bringt, in denen ich öfter frieren muss."
Ein leises Schniefen folgte dieser kurzen Erklärung und Melisandes Lippen verzogen sich zu einem schiefen Lächeln, während Makarah sich mit der Hand über das nicht mehr ganz trockene Gesicht fuhr.
"Vielleicht solltet ihr euch der Jahreszeit angemessen bekleiden, um solcherlei... Unfälle... zu vermeiden..."
Makarah brach seinen Satz ab und sein Blick verweilte recht deutlich auf Melisandes sichtbarem Brustansatz und dem dünnen Stoff ihres Kleides, der sicherlich für vieles geeignet war aber nicht dazu, seine Trägerin zu wärmen. Melisande zerrte den Umhang wieder ein wenig dichter über ihrer Brust zusammen und zuckte mit den Schultern, während sich ihre Augen gen Himmel richteten.
"Ich bitte euch, Makarah. Ich habe einen Ruf zu verlieren und ihr wollt doch wohl nicht, daß man sich bei Hofe zu wundern beginnt, warum ich plötzlich zugeknöpft erscheine. Meine Kleidung dient dazu, die Männer davon abzuhalten über das nachzudenken, was ich in ihrem Arbeitszimmer zu suchen haben könnte, wenn sie mich dort vorfinden oder wäre es euch anders lieber? Aber sicher seid ihr nicht gekommen, um euch eure Sorge um meine Gesundheit mitzuteilen, habe ich recht?"
Eine fragende Geste untermalte diese Ausführungen der Baronesse und Makarah antwortete darauf mit einer wegwerfenden Bewegung seiner Hand, die andeutete, daß das Thema für ihn abgeschlossen war und er nicht weiter darauf eingehen wollte. Ein resigniertes Seufzen tat sein übriges und auch Melisande verspürte nicht die Lust, das Gespräch in dieser Richtung zu vertiefen.
Stattdessen beschrieb Makarahs andere Hand einen Kreis in einem kompliziert wirkenden Muster und ein von bläulichen Blitzen umgebener, dunkler Beutel erschien mitten im Salon der Baronesse und fiel mit einem laut vernehmlichen Klirren zu Boden, das an zerspringendes Glas erinnerte.
Erschrocken trat Melisande einen Schritt zurück und betrachtete zuerst den Beutel misstrauisch, bis sie schließlich zu dem wieder höchst gelassenen Makarah aufblickte, der seine Großspurigkeit dank des nun wieder trockenen Gesichts zurückerlangt hatte. Eine seltsame Aura schien von diesem unschuldig aussehenden Beutel auszugehen, eine Aura, die Melisande Unbehagen verursachte, obgleich ihr dies angesichts des Gegenstandes vollkommen lächerlich erschien.
Aus einem ihr unbegreiflichen Grund heraus, schien dieser Beutel alle Energie aus Melisande zu saugen und sie grau und blass werden zu lassen. Ihr Kleid erschien ihr plötzlich schrecklich unpassend und ordinär und wenn sie zuvor ihren Umhang zusammen gezogen hatte, um nicht mehr zu frieren, tat sie dies nun, um ihren unschicklich wirkenden Aufzug vor Makarah zu verbergen. Eine zarte Röte begann sich über Melisandes Wangen zu ziehen und sie spürte den unangenehmen Drang, auf der Stelle den Raum zu verlassen, sich vor dem Beutel und vor Makarah - einem Mann! - zurück zu ziehen, bevor dieser sie ansprach und ihr eine halb dahin gestotterte Konversation abverlangte, der sie sich nicht gewachsen fühlte.
Ein weiteres, kompliziertes Muster aus Makarahs Händen ließ die unangenehmen Gefühle langsam wieder abklingen und ein unangenehmes Lachen aus seinem Mund folgte, das Melisandes Augen wütend aufglühen ließ.
"Was soll das? Was habt ihr getan? Wenn das ein Scherz gewesen sein soll, um eure Macht zu demonstrieren, muss ich euch sagen, daß ich ihn im höchsten Maße geschmacklos finde!" Die Stimme der Baronesse steigerte sich in ihrer Lautstärke von Wort zu Wort, was Makarah nur noch mehr zu belustigen schien. Mit einem heiteren Kichern ließ er sich wieder in den Sessel fallen und schenkte Melisande einen belustigten Blick aus seinen zweifarbigen Augen. "Aber liebste Melisande! Ihr solltet euch nicht zu sehr aufregen - so mancher Mann findet Schüchternheit bei den Damen sehr anziehend und eure Wangen wirken in zartem rosa doch viel blühender, als eure gewöhnliche Blässe."
Die Nymphe vergaß unterdessen angesichts dieses offenen Spottes ihre gute Erziehung und stemmte die Arme höchst undamenhaft in die Hüften, um zu einer neuerlichen Tirade anzusetzen. Ihre Augen suchten nach einem Wurfgeschoß, um ihrer Wut Luft zu machen, selbst wenn es an Makarah abprallen würde. Die beschwichtigende Geste des Gottes beruhigte sie nicht im geringsten und lediglich der noch immer auf dem Teppich liegende Beutel sorgte dafür, daß Melisande von ihrem Vorhaben abließ und lieber einige Schritte davor zurück wich.
"Nein, wirklich Baronesse - ihr seid eine Dame von außerordentlichem Weitblick und ich gehe davon aus, daß ihr schon bald ohne jeden Zweifel erkennen werdet, welch wunderbares Werkzeug dort zu euren Füßen liegt. Oh, und habt keine Angst, solange ihr dies hier bei euch tragt, wird der Beutel auf euch keine Wirkung zeigen..."
Wie von Zauberhand erschien ein breiter Ring an Melisandes Finger, in den ein schwarzer Edelstein eingesetzt worden war. Die Baronesse musterte den Ring mit Unbehagen - etwas an dem Stein schien ihr beinahe lebendig zu sein und eine unangenehme Wärme ging davon aus - eine ständige Mahnung an die Augen Makarahs, die jede ihrer Bewegungen verfolgten. Die Nymphe unterdrückte den Impuls, sich den Reif wieder von ihrem Finger zu streifen und trug stattdessen eine emotionslose Miene zur Schau, die alles bedeuten konnte.
"Zumindest, solange ich euch dienlich bin, nicht wahr? Ich gehe davon aus, daß ihr den Beutel hier lassen möchtet? Wenn dies der Fall sein sollte, wäre es angebracht, wenn ihr mich darüber aufklärt, welchem Zweck er dient und was ich eurer Meinung nach damit tun sollte."
Tatsächlich spürte sie außer einem gewissen Unbehagen keine weitere Wirkung mehr, die von dem Beutel ausging und sie hoffte inständig, daß es auch dabei bleiben würden. Zumindest wurde es dadurch leichter, den Ring an ihrem Finger zu ertragen und zu vergessen, daß er sich wie ein kleines Gefängnis anfühlte.
Ihr Gast schien sich jedoch vollkommen in seinem Element zu fühlen und seine Augen blitzten voller Eifer und Begeisterung auf, als er beinahe liebevoll den unscheinbaren Beutel musterte.
"Ach, Melisande - habe ich euch jemals einen Grund für euer Mißtrauen gegeben? Ich bin enttäuscht."
Er legte eine Hand auf sein Herz und sah die Baronesse beinahe Mitleid heischend an, so als habe sie ihn tatsächlich zutiefst verletzt.
"Aber lasst es mich so formulieren - in diesem Beutel findet sich eine höchst geniale Waffe des Chaos und ihr werdet sie gewinnbringend an all jene verteilen, die ihr auf dieser Liste findet."
Aus dem Nichts erschien eine Pergamentrolle in Melisandes Hand und als sie es entrollte und die spinnenartige, schwarze Handschrift des Gottes darauf musterte, weiteten sich ihre Augen entsetzt und voller Unglauben.
"Das ist der halbe Hof von Chomoire! Seid ihr vollkommen wahnsinnig?"
Makarahs Lachen beantwortete diese Frage zur Genüge und er ließ es sich nicht nehmen, diesen Moment und die Fassungslosigkeit von Melisande in vollen Zügen auszukosten.
"Meine Liebe, das sollte für euch kein Problem darstellen und ich vertraue auf euer Geschick und eure Diskretion in diesen Dingen. Aber ihr solltet den Beutel recht sicher vor euren Dienern unter Verschluss halten, wenn ihr nicht möchtet, daß eure Villa ein wenig... nun... lebendiger wird als gewöhnlich. Aber ich befürchte, daß ihr mich nun entschuldigen müsst - ich habe noch eine andere Verabredung, die auf keinen Fall länger warten kann..."
Mit diesen Worten erhob sich Makarah aus Melisandes Sessel und schlenderte zu ihr hinüber, um einen galanten Kuss auf ihre kühle Hand zu platzieren. Noch während er sich nieder beugte, löste sich seine Gestalt in einem schwarzen Sternenregen auf, schien förmlich in ihre Einzelteile zu zerspringen, die an Splitter erinnerten. Lediglich sein beunruhigendes Lachen hallte nach seinem Verschwinden durch den Salon und ließ eine schockierte Baronesse d'Orlene zurück, die sich auf den kurz zuvor noch besetzten Sessel fallen ließ und das Gesicht in ihrer Hand verbarg. Das Pergament fiel mit einem leisen Knistern aus ihrer anderen Hand zu Boden und blieb zu ihren Füßen liegen, bevor es sich schließlich auflöste, als habe es niemals existiert. Und tatsächlich brauchte Melisande keinen weiteren Blick darauf, um sich an das zu erinnern, was darauf geschrieben gewesen war.

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