~ Spiegelscherben ~

Prolog

Was geschieht, wenn sich Götter langweilen und wenn sie keine Möglichkeit finden können, diese Langeweile möglichst gewinnbringend ungeschehen zu machen? Was geschieht, wenn es keine Welt gibt, um die sie sich kümmern können, keine Lebewesen, die sie auf ihrem persönlichen Schachbrett umher schieben können, um sich die Zeit zu vertreiben?
Nun, wenn es keine Welt gibt, die diese Anforderungen erfüllt, so sind sie zumeist nicht davon abzubringen, eine zu erschaffen, die ihrem Dasein einen Sinn - und ihnen natürlich auch Anhänger gibt, die ihnen die entsprechende Verehrung zuteil werden lassen. Denn was ist ein Gott ohne all diejenigen, die an ihn glauben und ihn anbeten?
Im Falle von Nalimá, Dienée und Beliéne, den Göttern jenes kleinen Wolkenreiches, das sie in einem Anfall von allgemeiner Einfallslosigkeit Phantásia getauft haben gewinnt die ganze Angelegenheit jedoch noch eine ganz andere Qualität. Denn unsere drei entzückenden Schwestern haben durch die Erschaffung dieses Königreiches nicht nur Anhänger und ein Betätigungsfeld gewonnen - nein, noch weitaus besser - sie haben einen wunderbaren Grund gefunden, ihren Streitigkeiten einen Anlass zu verleihen.
Denn in der Tat wird es nicht selten langweilig, sich lediglich um einen fehlenden Kamm oder um ein Schmuckstück zu streiten. Da bietet eine ganze Welt und insbesondere ihr geliebtes, kleines Wolkenreich doch weitaus mehr Abwechslung und bringt zudem noch die Möglichkeiten mit sich, die eigenen Vorstellungen an Lebewesen zu verwirklichen und deren Entwicklung in die passenden Richtungen zu lenken. Ganz zu schweigen davon, daß Verehrung einfach ziemlich gut für das Selbstbewusstsein ist.
Ja, das Leben einer Göttin ist wunderbar und es mag angesichts dieser drei ebenso verschiedenen wie eigenwilligen Schwestern auch nicht mehr verwunderlich sein, daß Phantásia neben einigen anderen Verirrungen ständig kränkelnde Nymphen, modebewusste Zwerge und launische Elfen hervorgebracht hat.
In der Tat - das Leben einer Göttin dieser Welt könnte nahezu perfekt sein, gäbe es da nicht Makarah, den Gott des Chaos, der seine Existenz scheinbar allein auf dem Verlangen begründet, die Schwestern zu verärgern. Noch immer ärgert es Nalimá, Dienée und Beliéne über alle Maßen, daß dieser höchst unverschämte Chaosstifter nach den Chaoskriegen einen Teil von Phantásia sein Eigen nennt - das Spiegelreich, in dem nichts so ist, wie es sein sollte und das unter seiner alleinigen Herrschaft steht.
Doch da man sich nicht ständig allein mit dem Ränkespielen eines (doch äußerst attraktiven) Verrückten befassen kann, haben die drei Göttinnen dieser Welt auch ohne ihn schon alle Hände voll zu tun. Schließlich kann man den anderen die Anhänger abluchsen, seine liebsten Spielzeuge - sprich: Lebewesen dieser Welt - manipulieren und noch einiges mehr, das den Tagesablauf mit Spannung erfüllt und durchaus auch in, nun, jedenfalls aus Göttersicht, Arbeit ausarten kann.
Oh ja, Phantásia, das Königreich, das hoch oben in seinem Wolkenmeer schwebt und nur durch die berühmten Wolkenschiffe oder durch Magie erreicht werden kann, ist schon ein besonderes Juwel voller märchenhafter Schönheit und eigenwilliger Gestalten, die diese Welt ihr Heim nennen. Und eines ist gewiss - Langeweile gibt es hier nicht nur für die drei Göttinnen schon lange nicht mehr.
So richten wir also unseren Blick nun auf den Mittelpunkt dieses Märchenreiches - auf Chomoire, die weiß-goldene Hauptstadt des Königreiches Phantásia, in der in einer ganz bestimmten Nacht ein ganz bestimmter Gott erscheinen soll, um einer findigen Baronesse einen düsteren Auftrag zu erteilen, der schon bald die ganze Stadt und später auch das ganze Reich in Aufruhr versetzen soll...

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